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                   Karyes - eine Hauptstadt

     
 

"300 Einwohner, PTT, TTT, Polizeistation, Arzt, zwei Gasthöfe, verschiedene Läden mit Lebensmitteln, Gebrauchsgegenständen, Büchern, Andenken und Filmmaterial, Autobusstation, Schule, Regierungsgebäude, Amtssitz des griechischen Gouverneurs, 19 Botschaftsgebäude der Klöster (Kutlumusiou liegt am Stadtrand und hat keine Botschaft), Handwerker. Seehöhe 375 m, gemessen am Platz der Protatonkirche. Dort auch strengstes Rauchverbot."

Mit diesen nüchternen und sachlichen Worten beginnt Erich Feigl in seinem Buch "Athos - Vorhölle zum Paradies" das Kapitel über die Athos Hauptstadt. Doch wer blieb hier jemals emotionslos?

Bis 1992 war es ja der Ort, wo der Athospilger sein Diamonitirion ausgehändigt bekam, wo sich entschied, ob die (evtl. gewünschte) Verlängerung gewährt wird. Ich erinnere mich noch gut an meinen ersten Besuch 1988, als nach Ankunft des Busses (es war damals nur einer!) alle Fahrgäste, denen ich mich anschloß, erst einmal die Stufen des Regierungspalastes hinaufpilgerten und in der geräumigen Vorhalle warteten, bis nach geraumer Zeit ein Mönch erschien, sich hinter einer Tür mit aufklappbarem Fensterchen verschanzte und von dort aus die Namen aufrief, um den dazugehörigen Personen dieses blaßgelbe Blatt auszuhändigen, das erst die Weiterreise ermöglichte. Auf wundersame Weise war auch der Reisepaß wieder hier gelandet, der bei der Einschiffung in Ouranoupolis zusammen mit dem Empfehlungsschreiben des griechischen Ministeriums für Thrakien und Makedonien den Behörden ausgehändigt werden mußte. - Die Verlängerungen der Aufenthaltsgenehmigung waren seit jeher ein aufregendes Kapitel meiner Athosreisen: 1993 hatte ich schon von Deutschland aus bei der Iera Kinotis zusätzliche Tage schriftlich beantragt. Tatsächlich erhielt ich noch vor meiner Abreise Post vom Athos, daß mir noch zusätzliche vier Tage gewährt werden. 1994 gab es auch keine Probleme, da Vater Mitrophan, der damals der Iera Epistasia vorstand, großzügig Verlängerung gewährte. Klare Verhältnisse auch im Frühjahr 1996: wegen des anstehenden Pfingstfestes und der zu erwartenden Pilgerschar wurde die Verlängerung verweigert. Und im Januar 2000: Wegen des Winters und wohl auch weil gerade der zweite Weihnachtsfeiertag war, wurde wohl jede Regierungstätigkeit eingestellt - ich mußte unverrichteter Dinge wieder abziehen.

Komplizierter entwickelte sich die Verlängerungsprozedur bei meiner 1995er Reise: Unser Anliegen (wir waren diesmal zu viert), gleich nach Ankunft am ersten Tag in Karyes vorgetragen, wurde vorerst abgelehnt, wir sollten nach einigen Tagen wiederkommen. Nach Übernachtungen in Pantokratoras, Chilandar und Ag. Panteleimonos erschien ich, nachdem ich schon frühmorgens auf meinem Weg vom Russen-Kloster hinauf nach Karyes von Mönchen in ihrem Mercedes aufgelesen worden war, beizeiten im Regierungsgebäude. Dort erhielt ich den Rat, doch morgen wiederzukommen, da der Protos nicht da sei. Ich wandte ein, daß heute mein letzter Tag sei, worauf sie sich unter heftigem Bartzwirbeln durchrangen, mich für 12 Uhr herzubestellen. Aber da sei ja der Bus schon weg (mit dem ich mit oder ohne Verlängerung weiter wollte), meinte ich! Also durfte ich schließlich um halb 11 wiederkommen. Um die Wartezeit abzukürzen, trank ich im nahen Gasthaus ein "Amstel" und erfuhr beiläufig, daß der Bus um halb 11 Uhr nach Daphni abfährt. Also stellte ich mich schon um halb 10 demonstrativ im Regierungsgebäude ein, um schließlich von einem Seminiden energisch abgewiesen zu werden. Entnervt gab ich auf und verstaute meinen Rucksack im wartenden Bus, alle Hoffnungen begrabend. Da noch einige Minuten Zeit war schlenderte ich ein letztes Mal um das Protaton - wer mühte sich da gerade die steile Treppe hinauf? - Der Protos! Es war 10:15 Uhr. Ich mit meinem wehenden Diamonitirion hinterher, bange Minuten vergingen, dann hielt ich meinen frisch gestempelten Athos-Paß in der Hand - es war 10:29 Uhr. Als Letzter sprang ich in den Bus, beinahe wäre mein Rucksack allein nach Daphni gefahren!

Karyes - Wie soll ich nüchtern und sachlich schildern, was ich innerhalb deiner Mauern erlebt habe ?  Wer kann nachempfinden wie sich eine "Athos-Dusche" anfühlt, nachdem man zwei Tage lang mit Baumscheren die verwachsenen Maultierpfade freigeschnitten hat? Athos-Dusche: das kalte Wasser kommt aus dem Wasserhahn, das warme schöpft man mit einem Plastikbecher aus einem Kessel, das der emsige Mönch Nikolej in der Küche des Konaki Chilandariou, der serbischen "Botschaft" in Karyes, erwärmt hat, um es dann in den ersten Stock, wo sich die Gästezimmer befinden, hinaufzuschleppen. Tags darauf, emsig wie er ist, erwartet er eine kleine Gegenleistung und er regt an, das eiserne Gestänge einer alten Weinlaube abzubauen, wozu wir uns natürlich bereit erklären (Pater Mitrophan, sein Vorgesetzter und derzeitiger Protos, weilt gerade im weit entfernten Kloster Chilandar und er ist - Autokephalie auch auf der untersten Ebene!! - somit der unumschränkte Hausherr). Laut hallen die Hammerschläge über Karyes hinweg und, ganz balkanmäßig, wird auch mit lautstarken Kommandos und Erfolgsbekundungen nicht gespart. Die Sache hatte nur einen Haken: Es war Sonntag. Und tatsächlich dauerte es nicht lange, bis ein Mönch den Weg heraufkam, den silberbeschlagenen Stab mit den bunten Schnüren als unmißverständliches Zeichen des Protos-Amtes, das er (in Abwesenheit Vater Mitrophans) stellvertretend ausübte. Ganz schnell war unsere Demontage beendet und sonntägliche Ruhe kehrte wieder ein.

Oder: Was geht in einem Mann vor, der auf den Athos fährt, um seinen Sohn zu suchen, der aus der griechischen Armee desertiert ist und sich bei den Mönchen versteckt? Ich traf ihn in einer der Tavernen in Karyes, wo er mir und meinem Reisegefährten Erwin sein Herz ausschüttete. Die Schande, die er darüber empfand, war grenzenlos. Er erzählte uns seine ganze Lebensgeschichte als Gastarbeiter in Deutschland; wir erfuhren, daß seine Lieblingsmusik von James Last kommt und daß Magirus Deutz die besten Traktoren baut. Was wurde aus seinem Sohn?

Übrigens die Tavernen von Karyes: Ich glaube mich zu erinnern, daß die eine, nahe der Bushaltestelle, bei meinem ersten Besuch noch keinen festen Fußboden hatte. Tische und Stühle standen auf gestampftem Lehm. Heute ist sie ordentlich renoviert, aber ein häßliches Wandbild mit abstrusen Lichteffekten und einer total mißlungenen Perspektive versucht den Ort und das Athosmassiv einzufangen, was nicht gelingen kann, denn dieser Raum mit seinen verwegenen Gestalten - Arbeitern, Busfahrern und skurilen Typen bei denen der Grund ihres Hierseins nicht ersichtlich ist, hat nicht einen Hauch von Heiligkeit und ist eine Enklave der Weltlichkeit. Nochmals Januar 2000: Nach dem Weihnachtsfest in der Lavra und einer Nacht in Prodromou (mit den vielleicht schönsten Gesängen, die ich auf dem Athos hörte) nahm ich das "Taxi" nach Karyes, was meine Reisekasse nicht unerheblich belastete. Verfroren, übermüdet, mit ablaufendem Diamonitirion, abgewiesen in Koutloumousiou, blieb mir als letzte Zuflucht nur die (zweite) Taverne. Ich war nicht der einzige Gast: Eine Dreiergruppe Österreicher, die in dem Lokal schon seit Jahren zur Stammkundschaft gehörten, halfen mir über die langen Abendstunden hinweg. Zum Schlafen bevorzugte ich ein Einzelzimmer, natürlich ungeheizt, das Bett klamm; welches Tier die Füllung des erdrückenden Bettzeugs geliefert hatte, blieb ungeklärt; über die sanitäre Ausstattung schweige ich. Mit der Tasse Tee am nächsten Morgen und meiner Zeche vom vergangenen Abend zahlte ich 10400,- Drachmen.

In der wilden Natur sind dem Menschen manche ungewöhnliche Problemlösungsstrategien abgefordert, doch wie löst man ein simples Problem des alltäglichen Lebens, nämlich jenes, im Winter das Einfrieren der Wasserleitung zu verhindern? Rätseln Sie nicht, sie werden mit Ihrer mitteleuropäischen, ich sage: deutschen, Mentalität nicht draufkommen: Welcher Karyesbesucher kennt nicht die wenige Schritte oberhalb der Bushaltestelle gelegene Bedürfnisanstalt, in der die eigentlichen sanitären Anlagen (im Sommer würde ich sagen: gottseidank!) nur luftig überdacht sind? Eisige Winde schufen Neujahr 2001 nordische Verhältnisse, und ich traute meinen Augen kaum, denn tatsächlich wird es je einem halben Dutzend Klospülungen und Wasserhähnen nicht gelingen einzufrieren, wenn man sie einfach - voll aufgedreht - laufen läßt, und dies rund um die Uhr.

Doch täte man diesem "Undorf", wie Erhard Kästner Karyes nennt, Unrecht, wenn man nicht auch noch eine andere Seite erwähnen würde: Immer war es auch letzte Wasserstelle, wo man sich zum Abmarsch rüstete, wo die eigentliche Pilgerreise begann. Immer war es erste Anlaufstelle, wenn weltliche Bedürfnis (ein warmes Essen oder die Möglichkeit zu telephonieren, was bis vor kurzem kaum woanders auf dem Berg Athos möglich war) sich meldeten. Heute, wo fast jedes Kloster mit Fahrzeugen zu erreichen ist, verliert Karyes seine Bedeutung als Knotenpunkt, es ist bestenfalls noch Umsteigebahnhof für Pilger und für Mönche.

 
     
     
     
     
     

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